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„Da lebt und stirbt man nicht allein“

„Da lebt und stirbt man nicht allein“
„Da lebt und stirbt man nicht allein“
Getauft, gefirmt, gesandt - Im Februar hatten sich Interessierte für das Erkundungsprojekt getroffen. © C.Mann/Bistum Limburg

Trauerbegleitung und Beerdigungsdienst: Die Pfarrei St. Birgid in Wiesbaden möchte als Erkundungsprojekt neue Wege gehen. Elf Personen beginnen im September mit einer Qualifizierung. Christine Klaus gehört zu ihnen und will später vielleicht Menschen, die trauern, begleiten und unterstützen. Die 62-Jährige ist PGR-Vorsitzende der Pfarrei, im Ortsausschuss und im Verwaltungsrat aktiv. Was sie am Erkundungsprojekt Trauerpastoral motiviert, wovor sie großen Respekt hat und was sie sich von der Qualifizierung erwartet, hat sie im Interview verraten. 

Frau Klaus, die Pfarrei St. Birgid in Wiesbaden erprobt als Erkundungsprojekt neue Wege in der Trauerbegleitung und Trauerpastoral. Sie sind eine von elf Personen, die mitmachen wollen, sich bei der Pfarrei beworben haben und nun im September mit einer zweijährigen Ausbildung/Qualifizierung beginnen möchten. Warum machen Sie beim Erkundungsprojekt mit?  

Es gibt zwei unterschiedliche Gründe: Wir beschäftigen uns in St. Birgid schon länger mit Kirchenentwicklung. Und ich war von Anfang an dabei. Wir haben uns bei der Fusionierung zur  Pfarrei neuen Typs dafür entschieden, nicht nur strukturell, sondern auch inhaltlich an der Pastoral zu arbeiten. Wir wollen gemeinsam Kirche sein und gemeinsam Kirche weiterentwickeln. Ich bin als ehrenamtlicher Christ „getauft, gefirmt und gesandt“, gesandt zu den Menschen, das möchte ich leben. Das möchte ich leben. Der andere Beweggrund ist persönlicher Natur: Es gibt ein Lied im Gotteslob, da heißt es „Aus vielen Menschen entsteht Gemeinde, da lebt und stirbt man nicht allein.“ Genau das habe ich persönlich erfahren. Ich habe diese wunderbare positive Erfahrung von Gemeinde machen dürfen, als es bei uns einen Trauerfall gab, der mir sehr nahe ging. Da waren Menschen da, die mich begleitet, getröstet und gestützt haben. Das hat mir gut getan, davon möchte ich jetzt etwas zurückgeben.

Christine Klaus aus Wiesbaden. © Anne Goerlich-Baumann/St. Birgid Wiesbaden
Christine Klaus aus Wiesbaden. © Anne Goerlich-Baumann/St. Birgid Wiesbaden

In der Ausbildung sollen persönliche Trauererfahrungen eine Rolle spielen. Worauf wollen Sie besonders achten, wenn Sie vielleicht einmal Menschen begleiten, die trauern?

Ich glaube, dass es hilfreich ist, eine solche Trauersituation selbst schon erfahren zu haben. Trauerfälle können extreme Ausnahmesituationen sein. Jemand, der darum weiß, kann vielleicht empathischer und feinfühliger gegenüber dem Trauernden sein. Was ganz wichtig ist, ist zuzuhören und da zu sein. Es braucht keine klugen Ratschläge und Empfehlungen, sondern ein Gespür für die Bedürfnisse des Trauernden. Die sind ja unterschiedlich: Dem einen hilft es, wenn man ein offenes Ohr hat, dem anderen, wenn man etwas unternimmt. Das ist individuell sehr unterschiedlich.

Was erwarten Sie von der Qualifizierung, deren erste Module im September beginnen sollen? 

Ich wünsche mir zunächst ganz grundlegende Dinge. Wie geht ein Trauergespräch überhaupt? Wie läuft es ab? Welche Möglichkeiten gibt es, Menschen in der Situation der Trauer zu erreichen? Wie kann ich auf deren Bedürfnisse eingehen? Wie verhalte ich mich richtig? Und was sollte ich besser lassen? Ich würde gerne in Rollenspielen sehr praxisnah verschiedene Situationen durchspielen. Mich treibt aber auch um, wie ich aus dem Glauben heraus deutlich machen kann, dass eine Trauersituation nicht aussichtslos ist. Ich wünsche mir, dass wir uns auch mit theologischen Fragen beschäftigen, etwa damit, worauf wir hoffen, wenn wir von Auferstehung sprechen.     

Gibt es etwas, wovor sie besonderen Respekt haben?  

Aus meiner Erfahrung ist ein Todesfall, der einem sehr nahe geht, einschneidender als alles andere im Leben. Es kann sogar einschneidender sein als die Geburt eines Kindes. In solchen Situationen kann man viel falsch und kaputt machen. Ich möchte Trauernde unterstützen und helfen, nicht zur Belastung werden. Das ist eine Herausforderung, vor der ich großen Respekt habe.

Es gibt auch Stimmen, die mit Blick auf das Erkundungsprojekt skeptisch sind. Wie gehen Sie damit um?

Natürlich habe ich davon gehört. Ich bin seit 14 Jahren in Gremien in der Pfarrei aktiv. Das gab es immer und wird es immer geben. Als Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten und Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten Beerdigungsdienste übernommen haben, war die Skepsis zunächst auch groß. Heute ist das normal, kein Mensch fragt mehr danach. Ich denke, so ist es auch mit Ehrenamtlichen, die mehr Verantwortung erhalten. Wir haben für uns als Pfarrei entschieden, diesen Weg zu gehen. Ich stehe voll und ganz dahinter. Wir wollen jetzt Neues ausprobieren, das heißt ja nicht automatisch, dass dieses Herangehen nun in Stein gemeißelt und der einzig wahre Ratschluss ist. Es ist unser Weg in St. Birgid. Schauen wir, wie es läuft, ob es angenommen wird und wie die Menschen damit umgehen. Meine feste Überzeugung ist,  dass uns allen mit unseren Talenten und Fähigkeiten, Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, gemeinsam eine gute Trauerseelsorge gelingen kann, so wie Trauernde sie wünschen und brauchen. „Da lebst und stirbst du nicht allein“ – das soll sich in unseren Gemeinden und in unserer Pfarrei abbilden.

Lesen Sie hier einen Artikel zum Erkundungsprojekt in der PFarrei St. Birgid in Wiesbaden.