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Diözesen probieren aus
Diözesen probieren aus
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Diözesen probieren aus

Netzwerker sprechen in Erfurt über „Ehrenamtliche in der Gemeindeleitung“

Das Bistum Limburg hat im September sein Erkundungsprojekt "Ehrenamtliche Gemeindeleitung" gestartet. Anfang Februar haben sich nun Ehren- und Hauptamtliche aus vielen Diözesen in Erfurt getroffen, um über das Zukunftsthema zu sprechen. Aus dem Bistum Limburg nahm Martin Klaedtke, Koordinator für den Prozess der Lokalen Kirchenentwicklung, teil.  Im Interview sprach er darüber, was sich durch das Modell verändert, wo andere Bistümer stehen und wann Projekte ehrenamtlicher Gemeindeleitung glücken.

 

Ehrenamtliche in Gemeindeleitungen – um dieses Thema ging es bei einem bundesweiten Vernetzungstreffen Anfang Februar in Erfurt. Was nehmen Sie von dem Treffen mit?

Das Thema „Ehrenamtliche in Gemeindeleitungen“ beschäftigt inzwischen mehrere Diözesen in Deutschland. Das war vor wenigen Jahren noch anders. In Erfurt waren auch Vertreterinnen und Vertreter aus Gemeindeleitungsteams eingeladen. Von deren Erfahrungen „aus erster Hand“ zu hören, fand ich hilfreich. Für mich ist deutlich geworden: Alle Beteiligten sind am Ausprobieren und suchen nach Wegen, wie Glaube an einem konkreten Ort auf eine neue Art und Weise lebendig werden kann.

Martin Klaedtke ist der Koordinator für den Prozess der Kirchenentwicklung im Bistum Limburg. © Bistum Limburg

Kritiker sehen in den Pilotprojekten den Versuch, dem Verlust von hauptamtlichen Personalressourcen entgegen zu steuern....

Wenn der Aufbau von ehrenamtlichen Gemeindeleitungen lediglich der Ersatz für eine nicht mehr vorhandene hauptamtliche Ressource darstellt, dann ist sie zum Scheitern verurteilt. Das ist beim Vernetzungstreffen in Erfurt deutlich geworden. Die Einführung von Gemeindeleitungsteams ist ein Prozess, der häufig über mehrere Jahre geht, und der zu einer veränderten Sichtweise führt, was es braucht, damit Kirche vor Ort lebendig bleibt. Es geht dann plötzlich nicht mehr darum, ein bestimmtes Programm zu erfüllen, sondern sich die Frage zu stellen, worauf es eigentlich ankommt.  Das hat dann Auswirkungen auf die Rollen und Aufgaben sowohl der haupt- als auch der ehrenamtlich Engagierten: sie verändern sich und müssen anders wahrgenommen werden.  Wahr ist aber auch: Ohne die Rückgänge beim hauptamtlichen Personal in der Seelsorge hätte es keinen Anlass gegeben, sich über Alternativen zum Bestehenden Gedanken zu machen.

Wenn der Aufbau von ehrenamtlichen Gemeindeleitungen lediglich der Ersatz für eine nicht mehr vorhandene hauptamtliche Ressource darstellt, dann ist sie zum Scheitern verurteilt.

Martin Klaedtke

Inwiefern verändert sich dadurch das Verhältnis von Haupt- und Ehrenamt?

Menschen, die sich ehrenamtlich in Leitungsteams engagieren, sehen sich nicht als diejenigen, die den Pfarrer oder den Hauptamtlichen in seiner Aufgabe unterstützen, sondern die aufgrund ihrer Verankerung in den Lebensbezügen vor Ort Kirche ein Gesicht und eine Prägung geben. Und die dies nicht als Alleinzuständige oder Lückenbüßer, sondern im  Zusammenwirken mit anderen tun, auf die sie angewiesen sind. Deshalb gehört die Abgrenzung vor Überforderung und die verlässliche Unterstützung durch Hauptamtliche, die mehr noch als bisher in die Rolle von „Ermöglichern“ kommen, dazu.   

Mehrere Bistümer haben Pilotprojekte gestartet, um Konzepte und Modelle zu erproben. Handelt es sich hier um eine bundesweite „Bewegung“?

Davon würde ich nicht sprechen. Die Zahl der Diözesen, die momentan Modelle einer ehrenamtlichen Gemeindeleitung im Team erproben, ist derzeit noch überschaubar. Gemeindeleitung im Team scheint mir eher ein Thema im Norden, Westen und Osten Deutschlands zu sein. Das 2015 erschienene Wort der Bischöfe „Gemeinsam Kirche sein“ hat ja dazu eingeladen, ein verändertes Miteinander von Ämtern und Diensten zum Thema zu machen.  Ich bin gespannt, was sich daraus noch entwickeln wird.

Bei der Veranstaltung wurden mehrere Projekte vorgestellt. Worin unterscheiden sich diese Projekte und was hat sie besonders beeindruckt dabei?

Die Entstehungsgeschichten sind jeweils sehr unterschiedlich gewesen. Zwei Beispiele: In St. Petrus in Bonn hat sich an einem Kirchort ein Gemeindeleitungsteam nach einem Fusionsprozess von drei Pfarreien gebildet, das nicht mehr danach fragt, wie sich bestehendes kirchliches Leben noch retten lässt. Aus dem Vertrauen in die von Gottes Geist zugesagten Charismen hat sich, inspiriert von Erfahrungen aus der Diözese Poitiers in Frankreich, eine „Kultur des Rufens“ entwickelt, in der Menschen gezielt und persönlich angesprochen werden. Daraus haben sich dort ganz neue Bezüge und Perspektiven für Kirche am Ort ergeben. In der Diözese Osnabrück hat die diözesane Vision einer „Kirche der Beteiligung“  unter anderem zur Bildung von ehrenamtlichen Gemeindeleitungsteams geführt, in denen jeweils vier bis acht Personen für jeweils drei Jahre durch den Bischof für ihre Gemeinde vor Ort beauftragt werden. Auch hier ist das Ziel nicht einfach ein Aufrechterhalten des Bestehenden, sondern der Versuch, mit einer veränderten Perspektive Kirche zu leben.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, dass ein solches Vorhaben vom Pfarrer, vom Pastoralteam sowie den ehrenamtlich Engagierten vor Ort gemeinsam gewollt ist.

Verschiedene Arbeitsgruppen haben sich mit der Frage beschäftigt, unter welchen Voraussetzungen Projekte Ehrenamtlicher in der Gemeindeleitung gelingen können. Was sind Erfolgsfaktoren? 

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, dass ein solches Vorhaben vom Pfarrer, vom Pastoralteam sowie den ehrenamtlich Engagierten vor Ort gemeinsam gewollt ist. Eine umfassende und gute Kommunikation, die Einbeziehung aller Beteiligten, ist ein weiterer entscheidender Punkt. Dazu kommt die Bereitschaft, sich auf einen Lernweg zu begeben, der zu einer veränderten Wahrnehmung von Rollen und Aufgaben führt.  Schließlich ist Geduld gefragt, mit Ungleichzeitigkeiten umzugehen.

Das Bistum Limburg hat ein Erkundungsprojekt „Ehrenamtliche Gemeindeleitung“ gestartet. Wie steht es darum?

Der Impuls, sich im Bistum Limburg mit der Frage nach ehrenamtlicher Gemeindeleitung im Team auseinanderzusetzen, stammt aus der Pfarrei St. Ursula in Oberursel-Steinbach. Dort gibt es in Oberstedten als Experiment für drei Jahre bereits eine aus drei Personen bestehende ehrenamtliche Gemeindeleitung im Team. Mit dem Erkundungsprojekt lädt das Bistum ein, diese Idee auch an anderen Orten im Bistum auszuprobieren und damit Erfahrungen zu sammeln, um einen diözesanen Rahmen zu entwickeln, in dem so etwas zukünftig gehen kann. Momentan klärt sich, ob an ein oder zwei weiteren Kirchorten ein solches Modell gestartet wird. Darüber hinaus hat das Erkundungsprojekt auch neue Formen der Zusammenarbeit auf Pfarreiebene zwischen Pastoralteam und Pfarrgemeinderat im Blick. Nach derzeitigem Stand werden sich für beide Fälle drei bis vier Pfarreien bzw. Kirchorte beteiligen. Das genügt, um anzufangen und Erfahrungen zu sammeln. Ein späteres Einsteigen interessierter Pfarreien bzw. Kirchorte ist möglich. Die Erfahrungen beim Vernetzungstreffen in Erfurt zeigen, dass ein Beginn mit einigen wenigen Interessierten normal ist, weil solche Veränderungsprozesse Zeit brauchen.