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Gottes Wort braucht keinen Vormund
Gottes Wort braucht keinen Vormund

Gottes Wort braucht keinen Vormund

Wege zur selbständigen Auslegung der Bibel

Die verschiedenen Prozesse und Anstöße zur Kirchenentwicklung in den letzten Jahren zeigen einen Grundton: Die Neuentdeckung der Bibel. Es wird deutlich, dass die Ansprache durch die Heilige Schrift alle Überlegungen und Entwicklungen prägen muss, wenn es zu einer wirklichen Neuausrichtung kommen soll. Hierbei zeigt sich auch, dass weniger der wissenschaftliche Umgang mit dem Buch der Bücher entscheidend ist, sondern die existentielle, je eigene, persönliche Begegnung mit dem Wort Gottes.

Auf die Frage, wie dies konkret gelingen kann, bietet das von dem evangelischen Bibelforscher vorgelegte Werk "Gottes Wort braucht keinen Vormund" viele interessante Anregungen. Hier werden kurz und knapp verschiedene persönliche Zugänge zur Heiligen Schrift exemplarisch eröffnet. Die dargelegte Vielfalt bewahrt in der Praxis von einer verflachenden Eintönigkeit und kann so den Untertitel des Buches "Wege zur selbständigen Auslegung der Bibel" tatsächlich einlösen. Berg ist von dem erkennbaren Interesse geleitet, die Bibel wieder dem normalen Hörer und Leser zurückzugeben.

Berg setzt nicht direkt bei einer Vorstellung unterschiedlicher methodischer Zugänge zur Bibel ein, sondern er entwirft im ersten Teil einen hermeneutischen Rahmen zum Verständnis biblischer Texte in unserer Zeit. Er legt ein Grundverständnis wie die Heilige Schrift als Gottes Wort verstanden werden kann, ohne in den Straßengraben der "Verbalinspiration" abzurutschen. In der Folge räumt er Barrieren, die sich dem mündigen Bibelleser oft entgegenstellen aus dem Weg und macht Mut, die eigene persönliche Begegnung mit dem Text zu wagen. Anhand des Beispiels der Paradiesgeschichte (Gen 3) als Grundlagentext geht er im zweiten Teil seines Werkes verschiedene Modelle der Auslegung durch und gibt dem Leser ein breites Spektrum von Methoden an die Hand, wie biblische Texte in der heutigen Zeit neu zum Klingen gebracht werden können.

Das Buch ist verständlich und praxisorientiert geschrieben. Die einzelnen Teile sind auch aus sich heraus verständlich, so dass auch die Auswahllektüre mit Erkenntnisgewinn verbunden ist. Die starke Auseinandersetzung mit der Rechtfertigungslehre im ersten Teil mag der protestantischen Provenienz des Autors geschuldet sein. Sie ist auf alle Fälle hilfreich, um bestimmte Äußerungen der Tradition besser einordnen zu können. Berg bleibt aber nicht bei der Kritik stehen, sondern er entwirft sechs heutige "Grundbescheide" als Brennpunkte biblischen Glaubens und Lebens und vier Wege der Überlieferung biblischer Texte, die eine aktuelle Auseinandersetzung mit der biblischen Botschaft dem Hörer von heute gewinnbringend ermöglichen.

Ein empfehlenswertes Buch, das vor allem den Verantwortlichen für die vielfältigen Prozesse der Kirchenentwicklung ausdrücklich empfohlen sei.

Mathias Wolf

Horst Klaus Berg: Gottes Wort braucht keinen Vormund, 2017 - Verlag Matthias-Grünewald