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Kirche ist nicht einfach mehr so, sondern Kirche entsteht

Hoffnungsvolles Symposium zu „Kirchenbildern“ mit mehr als 140 Teilnehmern
Kirche ist nicht einfach mehr so, sondern Kirche entsteht
Kirche ist nicht einfach mehr so, sondern Kirche entsteht
Bischof Dr. Georg Bätzing beim Symposium „Mehr als du siehst: Kirchenbilder". © Bistum Limburg

Kirchenentwicklung braucht Dialog: Dies haben mehr als 140 Teilnehmer beim Symposium „Mehr als du siehst: Kirchenbilder“ am Samstag, 19. Januar, im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod erlebt. Ehren- und Hauptamtliche kamen hier zusammen, um gemeinsam die Zukunft der Kirche in den Blick zu nehmen und sich über Kirchenbilder auszutauschen. Das Interesse an diesem Austausch war groß und die Liste mit Interessenten für die Veranstaltung war lang. Auch mit Blick auf diese Erfahrung steht fest, dass der „Entwicklungsdialog“, der Kirchenentwicklung ist, im Bistum Limburg weitergehen wird.

Prägend für das eigene Kirchenbild sind persönliche Erfahrungen mit und in der Kirche. Dies wurde in fünf persönlichen Zeugnissen deutlich, mit der das Symposium begann und die die Qualität des Austausches am gesamten Tag prägen sollte. Eine Zeugnisgeberin berichtete, dass ihr Kirchenbild dunkel gewesen sei und lange im Schatten gelegen habe. Die Institution Kirche sei unpersönlich. Persönlich hingegen sei ihr Glaube und der habe sie durch schwere Lebenslagen, als Kirche, Familie und Freunde keine Heimat mehr boten, getragen. Durch diese Erfahrung des Getragenseins habe das Bild von Kirche im Herzen Farbe bekommen. Die Kirche dürfe in einer Zeit und Welt, die unsicherer und orientierungsloser werde, Menschen nicht verurteilen und mit starken Geboten sowie Vorschriften an den Bedürfnissen der Menschen vorbeischlittern. Vielmehr müsse die Kirche ihnen Schutz bieten und mit guten Werten überzeugen. Es müsse darum gehen, zuzuhören und nachzufragen, gerade auch bei Andersdenkenden. Es helfe nicht, in starren Bilderrahmen zu denken und zu handeln. Heute sei die Zeit, „wo Kirche nicht mehr einfach so ist, sondern Kirche entsteht“. Dafür müsse Raum geschaffen werden.

Dialog als ein Schlüssel für die Entwicklung von Kirche

In der Kirche müsse es vermehrt darum gehen, Beziehungen von Mensch und Gott zu stiften, machte der zweite Zeugnisgeber deutlich. Es brauche Menschen, die bereit seien, persönlich Zeugnis zu geben. Die Kirche sei dabei bunt, vielfältig und reich an Begabungen. Bei all dieser Vielfalt müsse sie aber wissen, dass Jesus Christus ihre Mitte sei, um die Sammlung stattfinden solle. Jesus Christus sei die große Ressource und der große Schatz der Kirche. Diesen Schatz gelte es immer wieder zu suchen und ihm in den Sakramenten zu begegnen.

„Ich habe viele bewegende Momente in der Kirche erlebt. Meine Brautmesse, die Taufe der Kinder und viele mehr“, berichtete die dritte Zeugnisgeberin. Besonders bewegt habe sie jedoch der ökumenische Versöhnungsgottesdienst zum 500. Reformationsgedenken im Frankfurter Dom. Da sei ihr das Verbindende des Glaubens neu bewusst geworden. Versöhnung sei möglich. Die Kirche habe im Evangelium und im Glauben einen Schatz und habe Freude und Begeisterung an Menschen weiterzugeben. „Es gibt viele Möglichkeiten in der Kirche und eine Weite, die uns nicht zugetraut wird. Wir können viel erreichen, wir müssen es nur wagen. Kirche wird sich weiterentwickeln, wenn es uns gelingt, positive Botschaften des Glaubens zu vermitteln.

Veränderung, damit der Geist Gottes in der Kirche wirken kann

Dialog sei ein Schlüssel für die Entwicklung von Kirche. Dies war im vierten Zeugnis erlebbar. Immer dann, wenn Christinnen und Christen über den Tellerrand blickten und sich für andere Menschen, andere Konfessionen oder auch andere Wissenschaften und Sichtweisen öffneten, könne etwas wachsen. Je kirchenferner eine Gesellschaft sei, umso mehr Kirche müsse man in den Dialog einbringen. Dazu brauche es Mut und die Bereitschaft, sich als Ressource erst einmal einzubringen. Aus dem „Ich“ könne dann ein „Wir“ werden und dies zu erleben sei eine große Bereicherung.

Das Kirchenbild der fünften Zeugnisgeberin ist geprägt vom persönlichen Engagement und Zeugnis besonders von Frauen in der Kirche. Leider werde die Rolle der Frau immer noch nicht genügend in der Kirche wertgeschätzt. Die Kirche müsse sich verändern, damit der Geist Gottes in ihr lebendig bleiben könne. Es brauche mehr Transparenz mit Blick auf die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Es brauche einen besseren Blick auf die Opfer und eine angemessene Entschädigung. Es brauche mehr Frauen auf Leitungsebene. Es brauche die Aufhebung des Pflichtzölibats und die Priesterweihe für Frauen. Letztlich sei eine Transformation der Institution Kirche ins 21. Jahrhundert dringend erforderlich. Jesus und das Wort Gottes seien Kraftquellen der Kirche, mit denen gewuchert werden könne. Es gebe lebendige Traditionen in der Kirche und es brauche lebendige und sinnstiftende Rituale. 

Impulse und lebendiger Austausch

Mehrmals am Tag hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich in wechselnden Kleingruppen über das Gehörte und über ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken auszutauschen. Dies ermöglichte einen wirklichen Dialog, der Ehren- und Hauptamtliche durchmischte und die Bistumsleitung mit einband.

Zwei weitere Impulsgeber des Tages waren die beiden Theologieprofessoren Georg Essen (Dogmatik) und Thomas Söding (Neues Testament) von der Ruhr-Universität in Bochum. Georg Essen sprach über die Bedeutung und die Grenzen der Metaphern und Bildtheologie in der Kirche. Er machte deutlich, wie die Verwendung von Metaphern und Kirchenbildern hochambivalent und ideologieanfällig sei und zum anderen Potentiale für die Entwicklung von Kirche freilegen könne. Als aktuellstes Beispiel benannte der Dogmatiker das Apostolische Schreiben „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus. Der Heilige Vater entwickle hier ein wunderbares Bild, in dem er über die Rolle des Bischofs schreibe, dass dieser immer das missionarische Miteinander in seiner Diözese zu fördern habe, „indem er das Ideal der ersten christlichen Gemeinde verfolgt, in denen die Gläubigen ein Herz und eine Seele waren“. Der Bischof sei derjenige, der sich „bisweilen an  die Spitze stellt, um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrecht zu erhalten, andere Male wird er einfach inmitten aller sein mit seiner schlichten und barmherzigen Nähe, und bei einigen Gelegenheiten wird er hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, und - vor allem - weil die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt, um neue Wege zu finden“, sagte Essen. „Gewiss, ein wunderbar schönes Bild! Wer wünscht sich nicht in seinem Bistum einen Bischof, der sein Amt so versteht. Allein! Metaphern beinhalten auch stets ein Versprechen: so möge es sein“, erklärte er. Wer aber verbürge sich nun eigentlich dafür, dass ein Bischof tatsächlich - sozusagen als Wanderer im eigenen Volk - mal hinten, mal in der Mitte und mal vorne gehe?, fragte Essen und beantwortete diese Frage mit einen Blick auf das Konzilsdokument Lumen Gentium, indem vom „sensus fidei“, vom „Glaubenssinn der Gläubigen“ gesprochen werde. Der gemeinsame Glaubenssinn, der vom Geist Gottes geschenkt werde, sei dem Volk als Ganzes eigen, von den Bischöfen bis zu den letzten Laien. Mit Blick darauf sollte aus der kollegialen Leitung des Bischofs eine kirchenrechtliche Pflicht werden.

Thomas Söding stellte sich dem Thema „Kirchenbilder“ mit Blick in das Neue Testament. „Wer in der heutigen Kirchenkrise auf das Urchristentum schaut, erkennt keinen reinen Ursprung, zu dem man zurückmüsste, sondern einen verheißungsvollen Anfang, dessen Impulse aufgenommen und umgesetzt sein wollen“, so Söding. Die neutestamentliche Kirchengeschichte sei voller Ambitionen und Ambivalenzen, voller Probleme und Potentiale. Die Exegese decke die Spannungen auf, die Entwicklungen und Erneuerungen, Brüche und Brücken, Krisen und Glücksmomente kenne. Sie öffne die Texte für die Geschichte, die sie darstellen und gestalten wollten. Dadurch entstünden Impulse für die Reformen, die an der Zeit seien. „Anfang ist das Schlüsselwort des Neuen Testaments. Die Fähigkeit, die Möglichkeit, das Geschenk, neu anfangen zu können, ist eine Verheißung des Evangeliums, ohne die es das Neue Testament nicht gäbe, nicht den Glauben und nicht die Kirche“, so Söding. Aus der Vielzahl von biblischen Bildern wählte er Haus und Weg, um zwei wichtige Dimensionen der Kirche zu verdeutlichen.

Am Ende des Tages wurden die drängendsten Fragen in einem Podium mit dem Bischof, Frau Dr. Wustmans und den beiden Referenten zusammengeführt, und es erfolgte ein Ausblick, was es nun brauche. Von „Mut zur Avantgarde“ (Wustmans) war hier die Rede, von mehr Dialog und dem Anpacken der aktuellen Herausforderungen wie Missbrauch in ganz konkreten Schritten. Und mit welchem Kirchenbild? Das, so Bischof Georg, würde sich dann zeigen.

Das Symposium zum Thema Kirchenbilder war der Auftakt zu einem Entwicklungsdialog im Prozess der Kirchenentwicklung. Die Initiative dazu ging vom Diözesansynodalrat aus und wurde vom Gremium gemeinsam mit der katholischen Akademie in Frankfurt, der Kirchenentwicklung und anderen Partnern organisiert und durchgeführt. Weitere Entwicklungsdialoge zu neuen Themen der Kirchenentwicklung werden folgen.

© Bistum Limburg
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Viele Teilnehmerinnen haben die Aktion "Wir ziehen den Hut" unterstützt und erinnerten damit an das 100-jährige Jubiläum des Frauenwahlrechts.