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Liturgie als Moment lokaler Kirchenentwicklung

Liturgie als Moment lokaler Kirchenentwicklung
Liturgie als Moment lokaler Kirchenentwicklung

LIMBURG.- Kurz vor den Sommerferien hat im Limburger Priesterseminar die dritte Limburger Summerschool stattgefunden. An ihr nahmen fünfundvierzig Personen aus sechs Pfarreiteams und jeweils ein Team aus Essen und Bremen teil. Diese Summerschools sind ein tragendes Element der lokalen Kirchenentwicklung, die im Bistum Limburg zukünftig eine wichtige Rolle spielen wird. Das Format Summerschool richtet sich vornehmlich an Menschen, die bereits erste Erfahrungen mit dem Ansatz lokaler Kirchenentwicklung gesammelt hatten.

Unterwegs zu einer Kirche, die auf mehr Beteiligung setzt

Bei der lokalen Kirchenentwicklung geht es darum, dass neue Pfarreien, Pastorale Räume und Gemeinden  nach neuen Wegen suchen, wie sie heute vor Ort überzeugend Kirche sein können. Ziel ist die Entwicklung einer pastoralen „Vision“, zu deren Gestaltung möglichst viele Menschen innerhalb wie außerhalb von Kirche eingeladen werden. Seit dem Jahr 2015 ist ein Team Kirchenentwicklung vom Dezernat Pastorale Dienste dabei, die Arbeit vor Ort und in der Fläche intensiv anzuregen und lokal zu begleiten. 

Inspiriert ist dieser Limburger Prozess unter anderem durch Erfahrungen anderer Diözesen in Deutschland sowie durch Erfahrungen mit „partizipativer Kirche“ auf den Philippinen.

In Zusammenarbeit mit dem Pastoralinstitut ?Bukal ng Tipan? (Manila) haben Verantwortliche aus dem Bistum Limburg in den vergangenen Jahren die Ideen lokaler Kirchenentwicklung kennengelernt. Erste Pfarreiteams aus dem Bistum sind durch die Summerschools 2014 und 2015 mit den Grundlagen dieses Ansatzes vertraut gemacht worden.

Erneuerung der Liturgie beginnt im Lebenszusammenhang einer Gemeinschaft

In diesem Jahr lag der inhaltliche Schwerpunkt der Summerschool auf der Spiritualität. „Kreative Liturgien im Lebensumfeld und in kleinen Gruppen“ hieß einer der zentralen Impulse, mit denen vor allem Dr. Estela Padilla vom Pastoralinstitut ?Bukal ng Tipan? die Tagung inhaltlich prägte.

Liturgie feiert und gestaltet die Teilhabe am Leben Gottes, in Teilhabe am Leben der Gemeinde und in Teilhabe am Leben der Welt. Dabei ging es auch um die Frage, wie nicht-eucharistische Liturgien gestaltet werden können, die auch für „postmoderne Menschen“ und deren Kultur anknüpfungsfähig sind. Die Erneuerung der Liturgie, so die Erfahrung von Estela Padilla, beginnt nicht am Altar, sondern entsteht aus dem Leben kleiner Gruppen und Nachbarschaftsgemeinschaften. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Liturgie zur “Performance? wird.

Praktische Erprobungen

„Summerschool“ heißt immer auch praktisches und partizipatives Arbeiten. Die Teilnehmenden erarbeiteten vier unterschiedliche Anregungen zum Gestalten von Liturgien für verschiedene Gelegenheiten und Situationen außerhalb der Eucharistie. Überraschend an den Anregungen war besonders die didaktische Perspektive, mit der Aufforderung, zunächst die Zielgruppe für den Gottesdienst ausdrücklich in den Blick zu nehmen: Was haben die Menschen gerade erlebt, was beschäftigt sie? Mit welchem Bibeltext, mit welchem anschaulichen Symbol könnte die Liturgie passend darauf eingehen? Dabei wird der Gottesdienst aber nicht nur theoretisch geplant, sondern immer auch in der Vorbereitung bereits „geistlich erschlossen“.

Die so auch „erbeteten“ Liturgien wurden anschließend in größeren Gruppen direkt erprobt. So konnte einerseits Glaubensleben in der Gemeinschaft erfahren und andererseits einander direkt Resonanz auf die Planungen und Erfahrung gegeben werden.

Liturgie für die Straße

Eine der praktischen Übungen bestand darin, einen Nachmittag lang durch Limburg zu laufen, um Anregungen zu sammeln, auf welche Weise man an öffentlichen Orten wie Bahnhöfen, Fußgängerzonen und Cafés den Menschen unaufdringlich Erfahrungen der Nähe Gottes ermöglichen könnte. „Fresh expressions of evangelization - Neue Ausdrucksformen, um Menschen mit dem Evangelium in Berührung zu bringen ? war dabei das Motto.

Aus dieser Anregung entstand zum Beispiel die Idee, über einen Halleluja-Handy-Klingelton in der Warteschlange an der Kasse mit anderen Wartenden ins Gespräch zu kommen.

Stimmen der Teilnehmer

Für den ehrenamtlichen Bernold Feuerstein war es die erste Summerschool: „Spannend war für mich das aktive Erarbeiten von Liturgieformen, die mir bisher eher fremd waren. Inspirierend fand ich die gesamte Atmosphäre der Summerschool, vor allem getragen vom Team aus Manila. Als herausfordernd empfand ich die Aufgabe, eine Liturgie ?für den Marktplatz? zu entwickeln.“

Andreas Albert und Michaela Kassis, als pastorale Mitarbeiter in der pfarrlichen Pastoral tätig, waren in den letzten Jahren mit dem Ansatz lokaler Kirchenentwicklung bereits intensiver in Kontakt gekommen. Andreas Albert: „Liturgie für die Menschen, nicht um der Liturgie willen! Das hat Zukunft. Und dabei und darin immer wieder die Frage: Wo bist du Gott begegnet? Wo ist das Heilige aufgeleuchtet?“ resümiert Andreas Albert. Michaela Kassis ergänzt: „Alles war so super praktisch orientiert! Neu und hilfreich fand ich die Modelle (Anregungen, Werkzeuge), um liturgische Feiern zu erarbeiten ? ganz toll!“

Für sie steht aber noch etwas anderes im Mittelpunkt: „Zum Beispiel ist mir meine eigene Rolle und Aufgabe als Vorsteherin einer liturgischen Feier nochmal bewusster geworden: Meine Aufgabe ist es, Gemeinschaft zu bilden und im Miteinander zu ermöglichen, dass die Teilnehmenden selbst in eine Gottesbegegnung kommen, IHN erfahren können. Also das Gegenteil von Selbstdarstellung der Gottesdienstleiter. Es geht darum, mehr auf das Wesentliche und Lebendige in der Liturgie zu schauen, als auf die Form.“

Andreas Albert versucht die bei der Summerschool gemachten Erfahrungen direkt vor Ort umzusetzen. „Wir machen dazu Ende August eine Klausur und dann geht?s los, hoffentlich mit viel Geistunterstützung von oben und Partizipation von unten, und mit der Idee, endlich mit oben und unten aufzuhören!“

Auch Michaela Kassis hat schon Ideen zur Umsetzung im Kopf: „Wir wollen, angeregt durch die Summerschoolerfahrungen, den Kreis von Lektoren und Kommunionhelfer neu in den Blick nehmen. Mit ihnen kleine Liturgien feiern, hören, was sie brauchen, um in ihrem Dienst Motivation und Unterstützung zu erfahren.

Auch für unser Konzept der Erstkommunionvorbereitung im gesamten Pastoralen Raum gibt es Konsequenzen. Wir wollen die Vorbereitung mit allen 80 Kindern und ihrem familiären Anhang mit einer Tauferneuerungsfeier beginnen. Wir werden die thematischen Elternabende durch ?Glaubensfeiern? ablösen, um geistliche Erfahrungen zu ermöglichen, statt nur theologische Erklärungen zu liefern. Für die Kinder soll es ?weniger Mappe? geben, dafür mehr ?Hantieren? mit Brot und Tauben.“ Lokale Kirchenentwicklung müsse nicht immer sofort den totalen Gesamtaufbruch eines kmpletten Pastoralen Raums bedeuten.

„Es kann“, sagt sie, „auch schon in einzelnen Gruppen, für einzelne Themen und kirchortbezogen beginnen“. Sie findet spannend, wie es weltweit verschiedene Glaubenswege und Pastoralkonzepte gibt. Besonders aber, wie man voneinander lernen kann. Sie wünscht sich, dass wir in unserer Kirche noch mehr Freiheit finden in der Art und Weise, wie wir Glauben leben und feiern und hofft, dass es auch unserer Kirchenleitung ernst damit ist, Partizipation zu ermöglichen - auch und gerade in Fragen der Liturgie, wenn der Priestermangel die Zahl der sonntäglichen Eucharistiefeiern weiter abnehmen lässt.

Dafür dann Liturgien aus der Begegnung mit der Heiligen Schrift zu entwickeln, im Bibelteilen, im Feiern der Liebe, Agape genannt, mit dem Pastoralteam als Ermöglichern und den Gemeindemitgliedern als aktiv Mitgestaltende, das wäre lokale Kirchenentwicklung, wie man sie nur wünschen könnte.“ (Stefan Herok/ts)