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Mischwald statt Monokultur

„Fresh expressions of church“ in der anglikanischen Kirche
Mischwald statt Monokultur
Mischwald statt Monokultur
© Klaedtke/Bistum Limburg.

Wie kann die Botschaft des Evangeliums in der Vielfalt der heutigen Welt- und Lebensentwürfe ankommen? Diese Frage treibt die anglikanische Kirche schon seit mehr als zwei Jahrzehnten um. Wie viele Kirchen in Westeuropa sind auch die Anglikaner von Traditionsabbrüchen betroffen, die im Vergleich zur Situation in der deutschen Kirchenlandschaft noch gravierender erscheinen. Umso bemerkenswerter sind Entwicklungen, die in Großbritannien als „fresh expressions of church“ (neue Ausdrucksformen von Kirche) inzwischen nicht mehr nur ein Randphänomen darstellen. Vielmehr geht es um eine ermutigende Aufbruchsbewegung. Eine Veranstaltung am Montag, 26. Februar, im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden, zu der das Team Kirchenentwicklung eingeladen hatte, beschäftigte sich mit dieser Entwicklung und fragte nach Impulsen für die Situation im Bistum Limburg.

,Mischwirtschaft' aus Ortskirchengemeinden und Netzwerkgemeinden

Aus der Erkenntnis, dass die klassische Pfarrei in England häufig nur ein begrenztes Milieu und viele Menschen gar nicht mehr erreichte, hat man in England strukturelle Konsequenzen gezogen: „Wir müssen uns der Realität stellen, dass heute viele verschiedene missionarische Ansätze nötig sind. Wir werden eine ,Mischwirtschaft‘ aus Ortskirchengemeinden und Netzwerkgemeinden brauchen, die innerhalb eines größeren Gebietes, also vielleicht eines Dekanates, partnerschaftlich mit anderen zusammenarbeiten,“ heißt es in einer neuen kirchlichen Leitlinie, die am Ende eines längeren Suchprozesses stand. Inzwischen gibt es neben den klassischen Gemeinden eine überraschende Vielfalt an Formen, in denen sich Kirche realisiert. Gemeinsam ist diesen „fresh expressions“ genannten Formen eine starke „Geh-Struktur“: zentrale Grundwerte sind Zuhören, diakonisches Handeln und eine gelebte Spiritualität.

Neuaufbrüche sind meist ehrenamtlich getragen

Inzwischen werden zwölf verschiedene Formen von „fresh expressions“ aus allen theologischen Strömungen der anglikanischen Kirche offiziell anerkannt, unter anderem Netzwerkkirchen, Kaffeekirchen, Jugendkirchen, Zellkirchen oder schulische und schulbezogene Gemeinden. Es gibt Zellkirchen unter Polizisten, eine Surferkirche oder monastische Weggemeinschaften. Der größte Teil dieser Neuaufbrüche ist ehrenamtlich und von Spenden getragen.  Möglich wurde diese Entwicklung auch durch die gezielte Förderung und Ausbildung von „Pionieren“: So fanden sich Menschen, die mit Gründergeist, hoher Beziehungsfähigkeit und der Sehnsucht nach neuen Formen das Evangelium zum Leuchten bringen wollen. Bei vielen dieser Pioniere konnte aus einer Defiziterfahrung eine Gabe werden („the gift of not fitting in“-„die Gabe, nicht hineinzupassen“), aus der Neues entstehen kann.

Die Erfahrungen aus England regen an, Pfarreien neuen Typs als Ermöglichungsraum von Vielfalt zu gestalten und Unterschiedlichkeit als Chance statt als Bedrohung zu sehen.  (M.Klaedtke)

Martin Klaedtke stellte Neuaufbrüche in der anglikanischen Kirche vor. © Klaedtke/Bistum Limburg