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Mit Menschen in Beziehung

Erkundungsfahrt zum Sozialpastoralen Zentrum Petershof in Duisburg-Marxloh
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© C.Mann/Bistum Limburg

Marxloh eine No-Go-Area, in die sich Deutsche nicht mehr trauen können? Von den Medienberichten, die ein katastrophales Bild von dem im Norden Duisburgs liegenden Stadtteil zeichnen, hält Sylvia Brennemann nicht viel. Die 47-Jährige Krankenschwester engagiert sich im Petershof, einem Sozialpastoralen Zentrum im Bistum Essen, ist hier aufgewachsen und geboren. „In den Medien sind wir immer die, die Probleme machen“, erzählt sie den Limburger Besuchern bei einem Rundgang durch den Stadtteil. „Wir sind aber nicht problematisch. Wir haben hier Probleme“, sagt Brennemann. Zu lange werde schon Politik über die Köpfe der Menschen hinweg gemacht. Oft gehe es mehr um Fördergelder als um Hilfe, die auch ankommt. „Leute, die mit erhobenem Zeigefinger durch den Stadtteil gehen, wollen und brauchen wir hier aber nicht.“

Ob Kopftuch oder Bart – jeder ist willkommen

Im Petershof schreibt man Menschen nicht ab oder packt sie in Schubladen: Statt auf einen erhobenen Zeigefinger setzen die etwa 150 überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeiter auf gewachsene Beziehungen und Kommunikation auf Augenhöhe. Hier soll gemeinsam mit den Menschen nach Lösungen für Probleme gesucht werden. „Die Menschen, die hier leben, sind nicht einfach nur arm, sie haben Ressourcen. Die Leute können etwas, wenn man ihnen den Raum dafür gibt“, erklärt Schwester Ursula Preußer, die stellvertretende Leiterin des Zentrums. Ob Kopftuch oder Bart – hierher könne jeder kommen, erklärt die 56-jährige Schwester.

Seit Dezember 2016 leben und arbeiten die Missionsärztlichen Schwestern in dem Stadtteil. Neben Schwester Ursula arbeitet auch Schwester Mariotte Hillebrand als Pastoralreferentin der Pfarrei im Stadtteil. Das Zentrum rund um die letzte katholische Kirche in dem Stadtteil, St. Peter, existiert bereits seit September 2012. Damals wollte sich das Bistum Essen aus dem Stadtteil zurückziehen und die um 1900 gebaute Kirche schließen. Doch dann beschwerte sich die Bevölkerung – nicht nur die Katholiken, sondern vor allem auch die Moscheegemeinden und evangelischen Christen. Dass sich die katholische Kirche angesichts der Not aus dem Duisburger Norden zurückziehen wolle, sei ein fatales Zeichen. Seitdem sind die Türen zur katholischen Kirche nicht nur aufgeschlossen, sondern meist sperrangelweit offen.

Mit den Leuten gemeinsam unterwegs

Und die Menschen fühlen, dass sie hier willkommen sind. Jede Woche kommen mehr als 1.000 Personen in den Petershof. An dem warmen April-Tag spielen Kinder im Sonnenschein im Hof. Einige Frauen haben Stühle in den Hof gestellt und unterhalten sich miteinander. Im alten Pfarrhaus sind verschiedene Beratungsstellen und eine Kleiderstube untergebracht, im oberen Stock finden Sprachkurse und andere Schulungen statt. Im alten Schwesternhaus auf der gegenüberliegenden Hofseite kochen ehrenamtliche Helfer Essen für den Mittagstisch. Neben der Kindertagesstätte gibt es auf dem Gelände ein Tiergehege mit Ziegen, Hühnern und Kaninchen, einen Kräuter- und Gemüsegarten sowie Bienenstöcke. Jugendliche und Kinder können im eigenen Sport- und Boxverein Dampf ablassen. Es gibt sogar einen Imbisswagen, der bei Pfarrfesten und der Kirmes zum Einsatz kommt oder verliehen werden kann. „Man muss mit den Leuten unterwegs sein“, erklärt Schwester Ursula den Besuchern. Die Beziehungen zu den Menschen zeigten dann schon, wohin der Weg geht, rät die Schwester. Es werde vieles ausprobiert. „Nicht alles, was wir hier machen ist vernünftig und solide. Wir machen auch Sachen, die einfach nur Spaß machen.“ Dass Marxloh auch eine Karnevalshochburg sei, wüsste zum Beispiel kaum jemand.

Auch wir können manchmal nicht helfen.

Sylvia Brennemann, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Petershof

Beim Stadtrundgang zeigt sich, dass der Verweis auf Beziehungen und Vertrauen keine leeren Worthülsen sind. Sylvia Brennemann, die im Petershof Eltern und Familien berät, grüßt auf dem Weg viele bekannte Gesichter. Ein Mann kommt auf sie zu und berichtet aufgeregt von Problemen mit der Stadt und bürokratischen Hürden „Da ist ganz viel Dialog und Verständnis gefragt“, sagt sie. Viele Menschen sind am frühen Nachmittag auf der Weseler Straße unterwegs, die auch als Hochzeitsmeile Deutschlands bekannt ist. Die Gruppe der Limburger Erkunder läuft an unzähligen Geschäften mit Brautmoden und kleinen Lebensmittelhändlern vorbei. Etwa 20.000 Menschen leben in Marxloh. Der Anteil der Menschen ohne deutschen Pass liegt bei mehr als 60 Prozent: Zu den Menschen mit türkischen, rumänischen und bulgarischen Wurzeln kommen seit 2015 auch viele Geflüchtete zum Beispiel aus Syrien und Afghanistan. „Die Armut ist erschreckend. Wir hatten im Petershof schon Frauen, die auf unserer Treppe kollabiert sind, weil sie nichts zu essen hatten“, erzählt Brennemann. Schätzungsweise 3.000 Menschen hätten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder erhielten vom Staat weder Grundsicherung noch Kindergeld. Die Jugendarbeitslosigkeit liege bei 20 Prozent. „Auch wir können manchmal nicht helfen“, sagt Brennemann. Das System sei kaputt.

Chancen auf dem Arbeitsmarkt geben

Im Netzwerk will der Petershof mit Partnern bei der Jugendarbeitslosigkeit gegensteuern. In der Duisburger Werkkiste, einer katholischen Einrichtung der Jugendhilfe, werden etwa junge Menschen mit berufsorientierenden Angeboten auf eine Ausbildung und den Arbeitsmarkt vorbereitet. „Für uns ist es wichtig, dass wir Jugendlichen Werkzeuge an die Hand geben für ihren beruflichen Weg“, erklärt Geschäftsführer Norbert Geier. Dafür arbeitet die Einrichtung mit Schulen in Duisburg zusammen. Etwa 2.000 Schüler werden von den 70 Mitarbeitern der Einrichtung in katholischer Trägerschaft begleitet. 500 weitere werden in sogenannten Aktivierungs- und berufsbegleitenden Maßnahmen für das Jobcenter betreut. 1982 wurde die Initiative vom BDKJ und der Stadtkirche gegründet. Schon damals hatte man türkische Mädchen besonders im Blick. Trotz aller Hilfen bleibt es schwierig für die Jugendlichen. „Wenn man bei einer Bewerbung eine Adresse in Marxloh angibt, kommt das nicht gut an“, sagt Schwester Ursula.

Ist der Petershof auch ein Modell für das Bistum Limburg? Ein Rezept oder Konzept, worauf die Besucher aus Limburg besonders achten sollten, haben die beiden Schwestern nicht. Neben der Vertrauensarbeit sei auch wichtig, Netzwerke aufzubauen. Besonders die katholischen Einrichtungen im Stadtteil hätten lange ein Inseldasein geführt, erklärt Schwester Mariotte. Auch gebe es kritische Stimmen und Gegenwind, weil im Petershof unkonventionelle Wege gegangen würden. Es kommt auf einen grundlegenden Perspektivwechsel an, glaubt Schwester Mariotte. Es gehe nicht darum, für ein Angebot, dass man sich überlegt habe , Menschen zu finden, die mitarbeiten wollten, sondern darum, zuzuhören und zu schauen, wer hier lebt und welche Ressourcen die Menschen mitbringen. Wahrnehmung, Wertschätzung und Begleitung. „Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, ob man mit den Menschen in Kontakt steht.“

An der Erkundungsfahrt am 17. April nahmen etwa 25 Personen aus unterschiedlichen kirchlichen Seelsorgebereichen und der Caritasarbeit teil. Veranstaltet wurde die Fahrt von der Abteilung Pastoral in Netzwerken in Kooperation mit der Stabsstelle Gemeindecaritas des Diözesancaritasverbandes.

© C.Mann/Bistum Limburg
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Zum Petershof gehört auch eine Kleiderstube. Durch den Verkauf der gespendeten Kleider kann der Petershof einen Minijobber finanzieren. © C.Mann/Bistum Limburg
Mit Hilfe von ehrenamtlichen Dolmetschern finden im Petershof Sprechstunden für unterschiedliche Sprachgruppen statt. Frau Frau Kayikci, eine türkische Sozialarbeiterin, berichtet von ihrer Arbeit. © C.Mann/Bistum Limburg
Schwester Ursula zeigt den Besuchern St. Peter. Der Hochaltar ist von Menschen aus dem Stadtteil in liebevoller Arbeit restauriert und hergerichtet worden. © C.Mann/Bistum Limburg
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Ein Team von Ehrenamtlichen kocht das Essen für den Mittagstisch. © C.Mann/Bistum Limburg
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Sylvia Brennemann beim Rundgang durch Marxloh. © C.Mann/Bistum Limburg
Norbert Geier von der Duisburger Werkkiste. © C.Mann/Bistum Limburg
Kinder spielen auf dem Kirchplatz. Ein paar Frauen haben sich Stühle geholt und unterhalten sich in der Sonne als die Limburger Gruppe vom Stadtrundgang zurückkommt. © C.Mann/Bistum Limburg