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Räume eröffnen – Menschen beteiligen

Interview mit Pfarrer Stefan Peter aus Königstein
Räume eröffnen – Menschen beteiligen
Räume eröffnen – Menschen beteiligen

Im März haben sich mehrere Priester in Hofheim getroffen, um Fragen des Führens und Leitens zu reflektieren. Pfarrer Stefan Peter aus der Pfarrei Maria Himmelfahrt im Taunus spricht im Interview über die sich verändernde Rolle von Priestern, über ein wachsendes Bewusstsein bei Pfarrern, sich über Leitungsfragen auszutauschen, und warum diese Fragen wichtig sind für den Erfolg des Prozesses der Kirchenentwicklung.

 

Pfarrer Peter, sie waren im März in Hofheim auf einem Fortbildungstag für Priester, der vom  Pastoralinstut Bukal ng Tipan auf den Philippinen vorbereitet wurde, und Fragen des Führens und Leitens thematisiert hat. Was nehmen Sie für sich mit?

Was ich für mich mitnehme ist der Grundgedanke, der bei Kirchenentwicklung eine entscheidende Rolle spielt: Die Frage der Beteiligung. Wie können wir dafür sorgen, dass wir Menschen in der Kirche maximal beteiligen. Kirche ist ja nicht eine in sich geschlossene Gruppe, in der nur wenige entscheiden. In der Kirche geht es um Teilhabe und Partizipation. Die Aufgabe von Leitung ist es, Menschen einzubinden, mitzunehmen und zu beteiligen.

 

Welchen Stellenwert nimmt die Frage des Führens und Leitens im Prozess der Kirchenentwicklung insgesamt ein? 

Kirchenentwicklung betrifft das ganze Unterwegs sein als Kirche. Paulus versteht die Kirche als Leib. Wenn sich der Leib bewegt ist er Veränderungen ausgesetzt und das betrifft dann natürlich alle Teile. Und damit natürlich auch die Leitung. Dass sich Kirche verändert und Veränderungen kommen und gehen ist für Pater Marc, der für uns den Tag vorbereitet hat, kein Problem. Ein Problem ist es, wenn Leitung mit Mitteln unterwegs ist, die nicht zu dem passen, was jetzt da ist. Es kann nicht sein, dass man als Pfarrer in postmoderner Zeit mit Leitungsstilen aus der Vormoderne unterwegs ist. Das führt zu Problemen. Von daher sind das Fragen und Nachdenken über Führen und Leiten sehr wichtig.

 

Wie groß ist dieses Bewusstsein unter den Priestern?

Ich kenne nur wenige Priester, die an einem traditionellen Priesterbild hängen. Als Pfarrer sind wir ja immer wieder in den Pfarreien neuen Typs mit Situationen konfrontiert, wo die alten Leitungsmodelle nicht mehr funktionieren. Das Bewusstsein ist also da. Außerdem ist der Workshop auf Initiative von Priestern zustande gekommen. Es war aber keine große Gruppe und ich würde mir wünschen, dass das auf breitere Ebene gestellt wird.

 

Priester und andere Hauptamtliche sahen sich früher meist in der alleinigen Rolle von Machern. Was halten Sie davon?

Wenn man sich mit Kirchenentwicklung beschäftigt, dann kommen oftmals die verschiedenen Kirchenbilder in den Blick, in denen sich die Pfarrei als Pfarrfamilie verstanden und der Priester auf einem hohen Sockel gestanden hat. Für mich tragen diese Modelle überhaupt nicht mehr, weil wir in den größer werdenden Gemeinden nicht mehr ausreichend Mitarbeiter haben. Für mich ist das aber auch nicht nur eine Frage des Reagierens auf diesen Mangel, sondern auch eine Frage des Erkennens: Wer ist denn überhaupt Subjekt in der Kirche? Das sind nicht die Geweihten oder die Hauptamtlichen. Nicht die machen Kirche. Kirche sind alle die, die getauft und gefirmt sind. Sie stellen den ganzen Leib der Kirche dar. Die, die als Pfarrer und Leitende da sind, üben einen Dienst für dieses Volk Gottes aus. Einen Dienst. Dieses Bewusstsein ist während des II. Vatikanischen Konzils gewachsen und ändert die Rolle von Leitung deutlich. Das Schwierige dabei ist, dass das nicht einfach klar ist. Darauf muss man sich innerlich einstellen. Ich erlebe oft, dass Pfarrer und hauptamtliche Mitarbeiter das Gefühl haben, heute nichts mehr sagen oder gestalten zu können. Es gibt eine Angst davor, keinen Einfluss mehr zu besitzen. Das ist ein innerer Prozess für uns. Und oft haben wir mehr Fragen als Antworten. Ich glaube aber, dass es nichts hilft, dieser Diskussion auszuweichen. Wir müssen uns dem stellen.

 

Welches andere Rollenverständnis haben Sie für sich gefunden?

Mein Bild ist das des Ermöglichers. Ich möchte Räume eröffnen und Menschen im Wachsen im Glauben und in ihrer Beziehung zu Gott in der Gemeinschaft des Glaubens begleiten. Meine Rolle ist es, dafür zu sorgen, dass das möglich wird. Das ist auch eine steuernde Rolle, aber anders als das ich einfach sage, was wir jetzt tun. Das ist eine Inspirationsaufgabe.

 

Die traditionellen Rollenbilder sind heute nicht mehr tragfähig. Ist es da schwieriger Priester und Pfarrer zu sein?

Es ist spannend. Es wird nicht langweilig und man kann sich immer noch nicht über einen Mangel an Tätigkeiten beschweren. Natürlich gibt es kein klares Modell mehr, durch das man weiß, was wie zu tun ist. Das muss es aber auch nicht. Meine Tätigkeit als Seelsorger ist spannender dadurch zu schauen, wie ich als Priester gemeinsam mit Menschen wirken will. Es ist anstrengender, aber ich glaube, dass es sich lohnt, sich damit zu beschäftigen.

 

Sie verstehen sich also eher als Teamplayer?

Ja! Das ist auch etwas, was an diesem Tag besonders deutlich wurde. Leitung hat etwas mit Gemeinschaft zu tun. Pfarrer sind keine Einzelkämpfer oder gar Übermenschen, die über allen stehen. Natürlich habe ich als Priester eine besondere Rolle in den sakramentalen Bezügen, aber doch nur in Bezug auf die Gemeinschaft. Leitung hat etwas mit Vernetzung zu tun. Das finde ich allemal sympathischer als ein Einzelkämpfer einsam in der Wüste zu sein.

 

Wagen wir einen kleinen Ausblick. Wünschen Sie sich weitere vergleichbare Fortbildungen?

Ich hoffe, dass dieser Impuls aufgegriffen und der Kurs nochmals breiter im Bistum aufgegriffen wird, um die Reflektion weiterzuführen. Wenn unser Prozess der Kirchenentwicklung, den der Bischof angestoßen hat, ein Erfolg werden soll, dann muss der Bischof mit seinen Pfarrern und Priestern als Gemeinschaft unterwegs sein. Es reicht nicht, nur einen Bischofsvikar oder neue Kreise einzurichten, die in den alten Kleingruppen verhaftet bleiben. Es braucht mehr Beteiligung und Partizipation. Und wir müssen unsere Rolle als Leiter wirklich bewusster anschauen. Es reicht nicht, sich nur auf die Weihe zu beziehen und zu tun, als sei damit alles über Leitung gesagt.