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Tiefenbohrungen im katholischen Großstadtleben

Bischof Bätzing zieht Bilanz seiner Visitation in Frankfurt
Tiefenbohrungen im katholischen Großstadtleben
Tiefenbohrungen im katholischen Großstadtleben
Bischof Bätzing zieht Bilanz © D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Frankfurt

Die Kirche muss sich in gewisser Weise neu erfinden, damit sie für die Menschen wieder wichtig wird. Dabei darf sie sich weder der Gegenwartskultur bis zur Unkenntlichkeit anpassen, noch sollte sie sich ganz von der Welt verabschieden und sich in einer Art kleiner Elitekirche abkapseln. Darauf hat der Bischof von Limburg, Georg Bätzing, am Donnerstag, 24. Januar, in Frankfurt hingewiesen. In einem Pastoralschreiben, das der Bischof der Stadtkirche vorstellte, zog er so Bilanz seiner Visitation in Frankfurt.

Der Bischof hatte zwischen April und November 2018 die katholische Stadtkirche als ersten Bezirk seines Bistums visitiert. An mehr als 50 Tagen war er in der Mainmetropole unterwegs, um Einblick in die Kirche vor Ort ebenso wie in die gesellschaftlichen Herausforderungen der Großstadt zu nehmen. Bei gut 300 Veranstaltungen und Terminen kam er mit tausenden Frankfurtern in Kontakt, besuchte alle Pfarreien, die muttersprachlichen Gemeinden sowie katholische Einrichtungen und Gruppierungen. Er traf aber auch mit Vertretern von Politik, Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und anderen Religionen zusammen.

Auch das beste Konzept birgt keine Erfolgsgarantie

© A. Parschan/Kath. Stadtkirche FrankfurtPressegespräch mit dem Bischof

Bei einer Nachklausur mit haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Stadtkirche zog der Bischof eine Bilanz dieser Begegnungen und Gespräche. Die Visitation bezeichnete er als „sehr gewinnbringende Zeit“. Er habe nicht nur Einblick nehmen können in die Vielfalt katholischen Lebens, sondern habe in „Tiefenbohrungen“ Prozesse begleiten und die Arbeit vor Ort mit allen Schwierigkeiten kennen lernen können. In Frankfurt zeige sich Weltkirche nicht nur in der Vielzahl muttersprachlicher Gemeinden – ein Drittel der Katholiken haben nicht-deutsche Wurzeln – sondern auch in der Fülle katholischer Ordensgemeinschaften, in der Ökumene oder im Kontakt mit Menschen aus 140 Nationen.

Auch die Stadtgesellschaft habe ein hohes Interesse am Beitrag der Kirche gezeigt, unterstrich der Bischof am Nachmittag vor Pressevertretern: „Diese hohe Wertschätzung hatte ich so nicht erwartet.“ Dennoch müsse die zunehmende Bedeutungslosigkeit des Christlichen in der säkularen Welt wahrgenommen werden, auch dort, wo Seelsorger vieles richtig machten: „Auch das beste Konzept birgt keine Erfolgsgarantie im Sinne eines Relevant-Werdens des Evangeliums.“ Auch wenn die Kirche „unbestritten vieles optimieren und viel mutiger experimentieren“ müsse, könne der Glaube doch nur als heilsam und lebensbereichernd erfahren werden, wenn sich das Christentum von seinem Grundverständnis her erneuere.

Ich ermutige ausdrücklich dazu, die Vielfalt der Kirche in dieser Stadt wertzuschätzen und miteinander im Gespräch zu bleiben.

Bischof Georg Bätzing

Christentum als Kombination von Gottes- und Nächstenliebe

Der Bischof riet dazu, den Glauben aus der Perspektive der Gegenwart neu zu entdecken: Dann ließen sich Orte finden, an denen Glaube als Rettung erfahren wird. Solche Orte seien etwa „Stille, Gastfreundschaft, Kontemplation, Liturgie oder Diakonie“. In der Vielfalt der Frankfurter Stadtkirche habe er erfahren, „dass sich dort etwas ereignet, wo das Christentum seinem ursprünglichen `Code´ traut, nämlich der Kombination von Gottes- und Nächstenliebe.“

Der Bischof warnte davor, von einer Restauration zu träumen, in der die verlorengegangene Identität von Kirche und Gesellschaft wiedergewonnen werden könne. Die vorrangige Aufgabe sei es vielmehr, Anknüpfungspunkte an die säkulare Gesellschaft zu finden und in Kontakt mit den Menschen zu kommen, die am Rande stehen, etwa weil sie die Angebote der Kirche nur in geringem Maße nutzen, oder weil sie zwar getaufte und gefirmte Katholiken sind, der Kirche aber den Rücken gekehrt haben: „Sie leben weiterhin mit uns in dieser Stadt und sind oft durchaus kooperationsbereit und ansprechbar, wenn es um das Wohl der Menschen in der Stadt geht.“ Diesen Menschen Aufmerksamkeit zu schenken, könne eine wichtige Aufgabe für die Stadtkirche sein, unterstrich Bätzing.

© A. Parschan/Kath. Stadtkirche Frankfurt
"Denn wir haben hier keine bleibende Stadt..."
  • Das Pastoralschreiben zum Download