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„Wir haben einen kreativen Gott“

Katholische Engagierte informieren sich bei der „Werkstatt Jugendpastoral“ darüber, wie andere Kirchen Jugendarbeit gestalten
„Wir haben einen kreativen Gott“
„Wir haben einen kreativen Gott“
© Bistum Limburg

Können wir das auch? Diese Frage hat sich sicher der eine oder andere bei der „Werkstatt Jugendpastoral“ gestellt: Zuvor hatte ein Team der freikirchlichen „Move Church“ das Mittagsgebet in der Kapelle des Wilhelm-Kempf-Hauses in Wiesbaden-Naurod gestaltet und dabei nicht nur ein Feuerwerk an Effekten gezündet, sondern auch mit viel Energie und Gefühl begeistert und eine klare Botschaft vermittelt: „Fürchtet euch nicht vor Veränderung! Wir haben einen kreativen Gott.“ Christsein ganz anders, verstörend im positiven Sinne! Das haben die mehr als 80 katholischen Jugendarbeiter am Mittwoch, 13. Februar, im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod erleben können. Bei der Werkstatt stellten Christen unterschiedlicher Konfessionen innovative und außergewöhnliche jugendpastorale Projekte vor: von „B.A.S.E-Jugendgottesdiensten“ über die Jugendbewegung „The Basement“ der freikirchlichen „Move Church“ in Wiesbaden, dem ökumenischen Netzwerk „all for one“ in Fulda bis hin zur Zukunftswerkstatt der Jesuiten in Frankfurt und den in der anglikanischen Kirche entstandenen „Fresh Expressions of Church“. Praktiker aus katholischen Pfarreien, Einrichtungen und Verbänden des Bistums Limburg konnten sich davon inspirieren lassen, wie andere ihren Glauben an Christus feiern.

Vielfalt kirchlicher Formen ist Gottes Vision

„Die Vision ist das wichtigste, wenn man Jugendarbeit gestalten will“, machte Björn Hirsch deutlich. Der katholische Pastoralreferent hat 2016 in Fulda das ökumenische Netzwerk „all for one“ gegründet, zu dem heute 16 christliche Gemeinden, Einrichtungen und Gemeinschaften gehören. Mit ungewöhnlichen Aktionen und Gottesdienstorten, moderner christlicher Lobpreis-Musik und Glaubenskursen in Szene-Kneipen statt Pfarrheimen spricht das Netzwerk viele Jugendliche und junge Erwachsene an. Weit über 1.000 junge Menschen kommen zu den Veranstaltungen des Netzwerks. Ungewöhnliche, innovative Formen von Kirche hätten ein Recht darauf, umgesetzt zu werden, ist Hirsch überzeugt. „Wir alle, die wir hier sitzen, haben ein Recht darauf Kirche mitzugestalten.“ Jeder dürfe sich einbringen. „Das ist die Vision Gottes“, macht er den Jugendarbeitern Mut, Neues auszuprobieren und zu experimentieren. Ein Denken in hierarchischen und gemeindlichen Strukturen sowie bestehenden Konventionen müssten die Engagierten hinter sich lassen.

© Bistum LimburgKlatschen und tanzen erwünscht: Ein Team der Move Church in Wiesbaden gestaltete das Mittagsgebet.

Gott in der Gesellschaft repräsentieren

Das Netzwerk arbeitet mit einem Fünf-Stufen-Modell: Zu Beginn wolle man der Kirche ein einladendes und freundliches Gesicht geben, später sind die Interessenten eingeladen, sich in Glaubenskursen auszutauschen oder selbst bei den Events und Angeboten des Netzwerks mitzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Dem Netzwerk gehe es aber darum, die Einheit aller Christen zu feiern und in der heutigen Gesellschaft authentisch Zeuge für die Liebe Gottes zu sein. „Wir repräsentieren nicht Person ABC oder eine Gemeinde. Wir repräsentieren Gott“, sagt Hirsch.

Befähiger sein

Wichtig sei auch ein zeitgemäßes Erscheinungsbild: „Vieles, was Kirche tut, ist zum Fremdschämen. Wir leben in einer Zeit, in der Ästhetik immer wichtiger und in der es wichtig ist, wie man sich präsentiert“, sagte Hirsch. Zwar gehe es letzten Endes nicht um Äußerlichkeiten, für den Erstkontakt und die Ansprache von Menschen sei es aber entscheidend. Ebenso sei es in der Jugendarbeit wichtig, sich konsequent und entschieden an den Jugendlichen zu orientieren. Zu oft würde von Gemeinden eine Jugendarbeit betrieben, die nicht Jugendliche anspreche, sondern den Geschmack derjenigen treffe, die sie machten. Das Potenzial junger Leute werde von der Kirche nicht genutzt. Seelsorger müssten lernen, „Enabler“, Befähiger, zu sein.

© Bistum LimburgMusik spielt für Jugendliche eine wichtige Rolle. Viele Projekte gründen eigene Bands.

Beziehung schaffen

Dass Jugendarbeit besonders auf Beziehungen untereinander setzen muss, machte das Team der Move Church in Wiesbaden klar. „Warum bleiben Leute in der Kirche? Es ist nicht die Predigt, es ist nicht worship, es ist, weil man Freunde treffen will“, sagt Antonio Weil, Pastor der Move Church. „Jeder Mensch will Beziehung. Der Mensch ist für Beziehung designed.“ In der Move Church mit seiner Jugendbewegung „The Basement“, die sich an Jugendliche zwischen 13 und 25 Jahren richtet, gebe es daher viele Kleingruppen, sogenannte Connect-Groups, bei denen sich Menschen mit den gleichen Interessen treffen und austauschen könnten. Miteinander joggen gehen und dann ein kleines Gebet sprechen, sich vor der Arbeit im Café treffen und aus der Bibel lesen, das sind nur einige Beispiele, die Weil nennt. Ohne diese Gruppen funktionierten viele Events der Freikirche nicht. Das Ziel: „Wir wollen Freundschaften bauen. Keine Fake-Freundschaften“. Und:  In diesen Gruppen wird entschieden der Glauben an Christus gelebt.   

Für eine Kultur der Ermutigung sorgen

Weil ermutigte die Teilnehmer der Jugendwerkstatt, Neues auszuprobieren und auch gelungene Projekte zu kopieren: „Man muss das Rad nicht immer neu erfinden“, sagte Weil. „Wir haben geklaut ohne Ende.“ Entscheidend sei aber, leidenschaftlich für Christus zu brennen. „Wenn wir ,on fire‘ sind, dann stellen sich Leute zu uns. Wenn wir leidenschaftlich sind, dann werden wir andere Leute anstecken.“ Leidenschaft und Begeisterung wirkten anziehend auf Menschen. Wichtig sei auch, seine eigene Rolle zu hinterfragen. Seelsorger müssten sich für eine Kultur der Ermutigung einsetzen und in Anlehnung an den Namen des biblischen Apostels Barnabas „Söhne der Ermutigung“ sein.

© Bistum Limburg
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